Kurze Geschichte der Evangelischen Bruderschaft

St. Georgs-Orden

 

 

 
   

"Die Restauration der Kirche kommt gewiß aus einer Art

neuen Mönchtums, das mit dem alten nur die Kompro-

mißlosigkeit eines Lebens nach der Bergpredigt in der

Nachfolge Christi gemeinsam hat. Ich glaube, es ist an

der Zeit, hierfür die Menschen zu sammeln.

 

Dietrich Bonhoeffer, aus einem Brief vom 14.1.1935

 

 
   

Die evangelische Bruderschaft St. Georgs-Orden wurde im Frühjahr 1987 auf der dänischen Ostseeinsel Falster gegründet. Die Gründungsmitglieder, zu denen auch der in diesem Sammelband mit einem Aufsatz vertretene Ulrich Schacht zählt, der seit langem als Großkomtur an der Spitze der Bruderschaft steht, stammten in der Mehrheit aus der damals noch existierenden zweiten deutschen Diktatur und kannten sich vor allem aus der Jugendarbeit der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs. Sie hatten zudem ausnahmslos im Widerstand zu den politischen Verhältnissen des SED-Staats gestanden und waren in unterschiedlicher Weise politischer Verfolgung ausgesetzt und aus diesem Grunde zu unterschiedlichen Zeiten in den Westen Deutschlands ausgereist oder im Zuge des Freikaufs politischer Häftlinge dorthin gelangt. Zu den Erfahrungen in der Bundesrepublik der 70er- und 80er-Jahre gehörte ein Kirchenalltag vor Ort, der sich zu allen Zeitfragen primär linksliberal bis linksradikal konnotiert äußerte und nicht bereit war, von seinen kritiklos vorgetragenen Sozialismus-Hoffnungen durch vermittelte Erfahrungen mit dem „real existierenden Sozialismus“ abzulassen oder auch nur hinzuhören. Das bewirkte Entfremdungen, die dazu führten, daß sich die Gründungsmitglieder der Bruderschaft entschlossen, auf neutralem Boden christliche Gemeinschaftsformen zu entwickeln und zu praktizieren, die an ihre Erfahrungen mit der Kirche in der SED-Diktatur anknüpften und zugleich ältere Traditionen streitbarer christlicher Gemeinschaft wie dem Deutschen Orden damit verschmolzen.

Mit dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des SED-Staats veränderten sich die Rahmenbedingungen für die Bruderschaft, die sich bis dahin nach einem symbolischen Ort in Mecklenburg benannt und als „geistiggeistliche Gemeinschaft ritterlicher Tradition“ definiert hatte, radikal. Mithilfe früherer Verbindungen kehrte die Bruderschaft nach Deutschland zurück und nahm Quartier auf einem Pfarrhof in Mecklenburg, dem ein Rüstzeitheim der Jugendarbeit angeschlossen war. Bald darauf trat die Bruderschaft in Verhandlungen mit dem Oberkirchenrat der Landeskirche ein, um den Status der Bruderschaft innerhalb der Landeskirche abzusichern. Die Verhandlungen, u. a. auch auf Bischofsebene, führten zu zweierlei Ergebnissen: Der endgültige Ordens-Name wurde gefunden sowie Ordensverfassung und Ordensregel im Diskurs weiterentwickelt und gebilligt. Damit wurden zugleich das Selbstverständnis der Bruderschaft und ihr missionarischer Auftrag als legitim anerkannt. In dieser Phase begannen Verhandlungen über die Möglichkeit einer festen Übernahme des mittlerweile vakant gewordenen Pfarrhofes, die aber am Ende nicht erfolgreich abgeschlossen werden konnten, was dazu führte, daß die Bruderschaft Haus und Gelände verließ. Vorübergehend ließ sich die Bruderschaft in Berlin nieder und suchte zugleich nach einer längerfristigen Alternative zu Mecklenburg. Nach Kontakten mit der Evangelischen Akademie Thüringen im Zinzendorfhaus Neudietendorf entschied sich die Leitung der Bruderschaft, einen Neustart ihrer Arbeit mit Schwerpunktsetzung im Bereich intellektueller Basisarbeit und Missionstätigkeit von Thüringen aus vorzunehmen. In diesem Zusammenhang fand vom 26. – 28. April 2002 das I. „Neudietendorfer Gespräch zur geistigen Situation der Zeit“ statt. Das Generalthema lautete: „Gott los, Wert los, Sinn los? Die Krise der materialistischen Gesellschaften des Westens und die Antwort des Christentums“. Die Tagung, eingebettet wie alle Neudietendorfer Gespräche in die regulären Konvente der Bruderschaft, geriet zum ermutigenden Erfolg.

Zu den markantesten Ereignissen dieser Art gehörte auch das gemeinsam mit der Evangelischen Akademie Thüringen veranstaltete IV. „Neudietendorfer Gespräch“ zum Thema: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen … Christlicher Widerstand in zwei deutschen Diktaturen“, das im Mai 2004 stattfand und u. a. Gespräche mit Zeitzeugen umfaßte, darunter dem letzten Überlebenden des Attentats vom 20. Juli 1944. Zu den Ergebnissen dieser Tagung gehört die Publikation der wichtigsten Beiträge der Tagung in einem Sammelband (in Kooperation mit der Universität Jena) des angesehenen Verlagshauses Vandenhoeck & Ruprecht 2005. Die Tagung wurde zudem von der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur unterstützt.

Vom 25. – 28. Mai 2006 konnte zum VII. „Neudietendorfer Gespräch“ eingeladen werden. Aus Anlaß des 100. Geburtstages von Dietrich Bonhoeffer beschäftigte es sich mit der „Ethik“ des 1945 von den Nationalsozialisten hingerichteten christlichen Widerstands-kämpfers und ihrer Relevanz für das 21. Jahrhundert. Am Abend zuvor fand in der Erfurter Predigerkirche ein durch umfangreiches Sponsoring ermöglichtes Gedenkkonzert für Dietrich Bonhoeffer statt, in dem das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms durch die Weimarer Staatskapelle unter Prof. George Alexander Albrecht und dem MDR Rund-funkchor zur Aufführung kam.

Seit Herbst 2006 lädt die Bruderschaft ihre Mitglieder zu den Klausurkonventen und interessierte Zeitgenossen zu den öffentlichen Tagungen in das Evangelische Augustinerkloster zu Erfurt ein, dem Kloster Martin Luthers. Dadurch veränderte sich auch der Tagungsort für die „Neudietendorfer Gespräche“, die ab dem VIII. „Erfurter Gespräche zur geistigen Situation der Zeit“ (16. – 18. November 2007) heißen. Das VIII. Gespräch diskutierte das Generalthema „Protestantismus. Quellen und Horizonte einer christlichen Konfession“ mit bekannten Theologen, Philosophen, Politikern und Journalisten, darunter Landesbischof Prof. Dr. Christoph Kähler, Prof. Dr. Dagmar Schipanski und Dr. Michael J. Inacker, Vorsitzender der Internationalen Martin Luther Stiftung.

Zwanzig Jahre nach der Friedlichen Revolution in der DDR, vom 18. - 20. September 2009, organisierten die St.-Georgs-Bruderschaft und der Bonhoeffer-Haus e. V. gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Landesbeauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR einen offenen Konvent zum Generalthema „Geist und Revolution. Geschichtstheologische Fragen an die Umbrüche 1789 und 1989“. Ihr 10. „Erfurter Gespräch zur geistigen Situation der Zeit“ ein Jahr später (12.-14. November 2010) stellte die Bruderschaft unter die Überschrift „Tod, wo ist dein Stachel? Todesfurcht und Lebenslust im Christentum. Antworten aus Theologie, Philosophie und Literatur“.  Im Jahre 2012 blickte sie schließlich auf fünfundzwanzig Jahre evangelisch-lutherische Weggemeinschaft zurück. Ihr Jubiläumskonvent vom 18. – 20. November 2012, der XLII. seit Gründung des St. GO, thematisierte die Reflexion der selbstgewählten Aufgabe des Ordens: „Vom Sinn des gemeinsamen Lebens. Tradition – Symbolik – Auftrag”. Die Eröffnungsrede hielt der Rektor der Friedrich Schiller Universität Jena, Prof. Dr. Klaus Dicke.

Diese durchweg positiven Erfahrungen, zu denen sowohl die konstruktiven Gespräche mit Christoph Kähler in seiner Amtszeit als Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen als auch finanzielle Zuschüsse zu offenen Konventen der Bruderschaft durch den Landeskirchenrat gehören, haben dazu geführt, dass sich die Ordensleitung und das Ordenskapitel zwischenzeitlich entschlossen haben, den Freistaat Thüringen und die seit 2009 gebildete Evangelische Kirche in Mitteldeutschland als kirchenorganisatorische und landespolitische Basis für die öffentliche wie interne Tätigkeit der Bruderschaft in Zukunft dauerhaft zu nutzen. Zu dieser Perspektive gehörte die Absicht, die zukünftige Arbeit der Bruderschaft von einem festen Haus aus intensiviert zu betreiben.

Das Anknüpfen der Bruderschaft an die trikonfessionelle Tradition des Deutschen Ordens sowie ihr konsequenter Bezug auf Theologie, Persönlichkeit und Folgewirkungen Martin Luthers sowie Dietrich Bonhoeffers geben den Mitgliedern der Bruderschaft zusätzliche spirituelle Gründe und Anregungen, ihre Anwesenheit in Thüringen, in dem der Deutsche Orden schon früh eine starke Stellung innehatte, nicht als Zufall, sondern als Fügung und Führung anzusehen.

 
   

Seit Ende 2010 ist auch diese Etappe abge-schlossen, indem die Bruderschaft ihren festen Sitz in der Georgen-Burse nahe dem Augustinerkloster zu Erfurt genommen hat. Dort verwaltet sie in Kooperation mit dem Augustinerkloster und im Auftrag eines Trägervereins, zu dem auch der ihr angeschlossene Bonhoeffer-Haus e.V. gehört, eine ökumenische Pilgerherberge sowie die öffentliche

 

    Georgen-Burse im Jahr 2011  
   

Begehung der in der Burse errichteten Luther-Gedenkstätte, dem einstigen Aufenthaltsort des Reformators in seiner Erfurter Studentenzeit. Diese Leitungsaufgaben vor Ort hat der Ordenskanzler der Bruderschaft, Axel Große, übernommen, der damit zugleich das Amt eines ständigen Repräsentanten in Thüringen ausfüllt.

Die Bruderschaft besteht aus Mitgliedern in abgestuften Bindungsgraden (Orden, Ordensschild) und einem breiten Freundeskreis (Gastbrüder), der deutschlandweit wohnhaft ist. Als kirchlich legitimiertes Bindeglied zwischen der Bruderschaft und der Landeskirche fungiert – in Gestalt des Ordensspirituals – Oberkirchenrat Dr. Thomas A. Seidel. Seit dem 20.12.2010 ist die Evangelische Bruderschaft St. Georgs-Orden in die Liste der geistlichen Gemeinschaften und Kommunitäten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) aufgenommen.

Am 7. Dezember 2013 erhielt sie vom Landeskirchenrat der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) die Approbation als anerkannte geistliche Gemeinschaft.

 
       
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