Evangelische Bruderschaft St.Georgs-Orden (StGO) A.D. 1987

St_Georg

IN MEMORIAM

Ulrich Schacht

9. März 1951 – 16. September 2018

Ulrich Schacht

svensk
Biografisk information om ULRICH SCHACHT

Der Ordensgründer und ehemalige Großkomtur der Evangelischen Bruderschaft St. Georgs-Orden Ulrich Schacht1 wurde am 9. März 1951 im Frauengefängnis Hoheneck in Stollberg, zwanzig Kilometer südlich von Chemnitz (ab 1953 Karl-Marx-Stadt) geboren. Die ersten drei Monate verbrachte er bei seiner Mutter Wendelgard Schacht, die im November 1950 wegen angeblicher Verleitung zu Landesverrat vom Sowjetischen Militärtribunal in Schwerin zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt worden war. Mit zwölf Wochen kam Ulrich Schacht ins Säuglingsheim Leipzig, bevor ihn seine Großmutter nach Wismar holte. Dort verbrachte er die ersten drei Jahre bei einem befreundeten kinderlosen Ehepaar. Anfang Februar 1954 kehrte die Mutter nach Hause zurück.

Wismar war Schachts Heimatstadt und blieb es durch Schulzeit und Bäckerlehre hindurch. 1968/1969 arbeitete er im Wismarer Überseehafen, danach war er Bühnenarbeiter am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin und absolvierte nebenher ein Pflegepraktikum in der Psychiatrie des Michaelshofes in Rostock-Gehlsdorf, einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen. Mit diesen Eindrücken aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten der DDR ging er ins Theologiestudium an die Universität Rostock.

Seit 1951 war das zweijährige Grundstudium des Marxismus-Leninismus obligatorischer Bestandteil aller Studiengänge. Ulrich Schacht verfasste 1972 in diesem Zusammenhang ein Manuskript über den dialektischen und historischen Materialismus, das als „provokatorische Seminararbeit“ gewertet wurde und zu seiner sofortigen Exmatrikulation führte. Die einzigen Hochschulen, die außerhalb des staatlichen Universitätswesens existierten, betrieben die Kirchen. Schacht zog nach Erfurt und studierte dort an der Predigerschule weiter.

Das Vorbeiziehen sowjetischer Streitkräfte im Sommer 1968 hatte die Bevölkerung im Thüringer Wald und im Erzgebirge unmittelbar miterlebt, in Erfurt war Schacht den jüngsten Ereignissen in der ČSSR nun plötzlich sehr nahe. Vor allem die Gestalt Alexander Dubčeks faszinierte ihn. Die Kontakte nach Rostock blieben vor allem über seine literarische Arbeit erhalten.

Schon als Schüler hatte Schacht Gedichte und Prosa verfasst, aber erst Ende der 1960er Jahre begann er in größerem Umfang literarisch aktiv zu werden. Die deutsche Teilung, zentrale politische, philosophische und theologische Fragen sowie eine besondere Nähe zur Natur beschäftigten und inspirierten ihn. Sie waren und blieben wichtige Themen für sein schriftstellerisches und journalistisches Arbeiten.

Das Theologiestudium an der Universität Rostock bot Raum und Publikum für die intellektuelle Auseinandersetzung mit Literatur und Gesellschaft. Ulrich Schacht trug seine Texte unter anderem in der evangelischen Studentengemeinde vor und gründete zusammen mit anderen Interessierten einen literarisch-politischen Zirkel mit dem Ziel, eine eigene Samisdat-Zeitschrift herauszugeben. Geplanter Titel war „Neue Weiße Blätter“ – in Anlehnung an die Widerstandsbewegung der „Weißen Rose“ gegen die NS-Diktatur. Ein Inoffizieller Mitarbeiter aus dem literarischen Umfeld Schachts, der Autor und FDJ-Funktionär Peter Tille, verriet die Gruppe. Schacht galt als deren intellektueller Kopf und wurde am 29. März 1973 verhaftet. Es folgten neun Monate in der Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit am Demmlerplatz in Schwerin. Die weitgehende Isolierung von allem, was ihn interessierte, und von allen, die ihn liebten, prägten jene Leidenszeit.

Das Bezirksgericht Schwerin verurteilte Schacht im November 1973 wegen staatsfeindlicher Hetze nach § 106 des Strafgesetzbuches der DDR zu sieben Jahren Freiheitsentzug – für die bloße Absicht, eine literarisch-gesellschaftskritische Zeitschrift herauszubringen. Das Urteil sollte Nachahmer abschrecken. Seine Verteidigung hatte Hilde Lewerenz, langjährige Präses der mecklenburgischen Landessynode, übernommen.

Im Februar 1974 wurde Schacht nach Brandenburg-Görden verlegt, wo sich die größte Strafvollzugseinrichtung der DDR mit durchschnittlich 3000 Häftlingen befand. Der mecklenburgische Landesbischof Heinrich Rathke hielt damals engen Kontakt zu Wendelgard Schacht und sprach ihr Mut zu: Sie solle durchhalten, die Landeskirche werde sich nach der Entlassung um ihren Sohn Ulrich kümmern.

Ulrich Schacht hielt es nicht in der DDR. Noch in der Haft stellte er einen Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland. Am 17. November 1976 wurde er freigekauft und siedelte nach Hamburg über. Er studierte Politikwissenschaften und Philosophie, arbeitete von 1984 bis 1998 als Redakteur sowie Leitender Redakteur für Kulturpolitik bei der Tageszeitung „Die Welt“ und der „Welt am Sonntag“, außerdem als freier Autor für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften.

Er war 1987 Gründungsmitglied und bis 2018 Großkomtur (Leiter) des St. Georgs-Ordens, einer von der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands approbierten und bei der EKD registrierten evangelischen Bruderschaft. Im Herbst 1989 kehrte er nach seiner Ausreise erstmals wieder nach Mecklenburg zurück und sprach auf einer Demonstration des Neuen Forums in Parchim. Mit den Akteuren und Aktionen der Friedlichen Revolution und der deutschen Wiedervereinigung 1989/90 sowie der bald nach 1990, offen und verborgen, beginnenden Delegitimierung dieser unblutigen Befreiungsbewegungen in Ostdeutschland und im gesamten vormaligen „Ostblock“ durch eine überschaubare, doch einflussreiche Gruppe westdeutscher Linksintellektueller setzte Schacht sich auf unterschiedliche Weise publizistisch auseinander. Nachdem jene „westdeutschen Verhältnisse“ ihm mehr und mehr die eigene Kreativität zu rauben drohten, übersiedelte er mit seine zweiten Frau Stefanie nach Schweden. Ab 1998 lebte er als freier Autor und Schriftsteller in der Region Skåne. Dort schuf er ein bemerkenswertes schriftstellerisches Werk an Lyrik und Prosa, verfasste zahllose Artikel, Reden und Essays und pflegte eine ausgedehnte Korrespondenz per Brief oder E-Mail mit Schriftstellerkollegen, Freundinnen und Freunden sowie Schwestern und Brüdern seiner Bruderschaft. Ulrich Schacht verstarb am 16. September 2018 in Förslöv / Schweden an den Folgen eines Herzinfarkts.

Durch die Herausgeber bearbeiteter Artikel aus: Biografien politisch Verfolgter und Diskriminierter in Mecklenburg 1945 bis 1990, Autorin Rahel Frank, Hg.v. Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Mecklenburg, der Gesellschaft für Regional- und Zeitgeschichte e.V. und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, Schwerin 2019, S. 406ff.


Traueranzeige für Ulrich Schacht von Familie und Freunden

in FAZ vom 22.09.2018

Traueranzeige FAZ

Beisetzungsrede von Pfarrer Peter Voß

vom 4. Oktober 2018 in Ängelholm / Schweden

Traueransprache Pfarrer Dr. Thomas A. Seidel

Traueransprache für Ulrich Schacht von Pfarrer Dr. Thomas A. Seidel

vom 10.10.2018 um 14 Uhr in der St. Gertrud-Kirche zu Hamburg

Traueransprache Pfarrer Dr. Thomas A. Seidel

Nachruf auf Ulrich Schacht von Heimo Schwilk

gehalten im Literaturhaus Hamburg am 10. Oktober 2018

Nachruf auf Ulrich Schacht von Heimo Schwilk

Nachruf von Michael Klonovsky: Fahr wohl, alter Schwede, und sei frei!

auf acta diurna vom 17. September 2018

Nachruf von Michael Klonovsky

Nachruf

in der Frankfurter Allgemeine Zeitung

Nachruf

Nachruf: Zweifrontenkrieg

von Lothar Müller in Süddeutsche Zeitung


Nachruf von Lothar Müller

Wenn jemand im Knast geboren wird

Nachruf auf Ulrich Schacht von Dr. Thomas Hartung vom 18. September 2018


Nachruf von Dr. Thomas Hartung

Nachruf auf Ulrich Schacht von Dr. Thomas A. Seidel

in IDEA vom 19.09.2018

IDEA Ulrich Schacht

Nachruf von Ulrich Greiner: Friede ist schwer

in DIE ZEIT vom 19.09.2018

Nachruf von Ulrich Greiner

Alexander Kissler, Der Seebär

Alexander Kissler zu Ulrich Schacht,
Der Seebär in Die Tagespost v. 20. September 2018

Nachruf von Alexander Kissler

Johann Hinrich Clausen über Ulrich Schacht

in chrismon 21.09.2018

Nachruf von Johann Hinrich Clausen

Peter Grimm - Ulrich Schacht: Kein Nachruf

Filmbeitrag vom 29. September 2018 auf Achgut.tv

Filmbeitrag von Peter Grimm

Thomas A. Seidel wird neuer Leiter des St. Georgs-Ordens
Sein Vorgänger Ulrich Schacht war 2018 überraschend gestorben

IDEA Pressedienst vom 29. April 2019

Thomas A. Seidel wird neuer Leiter des St. Georgs-Ordens

Nachruf von Dr. Thomas A. Seidel und Traueranzeige

in Glaube und Heimat Nr. 39 vom 30.09.2018

GuH Nachruf Ulrich Schacht

Aufsatz von Heimo Schwilk:
Kämpfen und Lachen - Ein Besuch bei dem Schriftsteller Ulrich Schacht in Schweden

in DIE WELTWOCHE vom 3. Oktober 2018

Aufsatz von Heimo Schwilk

Gedenkblatt für Ulrich Schacht

in CATO 1- 2019 von Sebastian Kleinschmidt

Sebastian Kleinschmidt

Erinnerungen an Ulrich Schacht

Gabriel Berger

Gabriel Berger

Uwe Wolff, Die Fahrt der Ordensbrüder

in TUMULT Winter 2020 - 2021.

Uwe Wolff

Ulrich Schacht - Leise Töne, laute Töne von Erik Lommatzsch

in PAZ v. 5. März 2021

Erik Lommatzsch

Zum 70. Geburtstag von Ulrich Schacht

in der Jungen Freiheit vom 11. März 2021


Die Unendlichkeit des Schöpfers

Till Kinzel in Die Tagespost
vom 16.07.2021, Seite 24

Till Kinzel